Meine Prognose zum zweiten Halbfinale des ESC 2017

#1 – Serbien – „In Too Deep“ (Tijana Bogićević)

Wer sich an Ashley Tisdale erinnert fühlt, liegt nicht falsch: Einer der Autoren des serbischen Beitrags ist Joacim Bo Persson, ein großer Name im Popbusiness, der mitverantwortlich ist für Erfolge von besagter Ashley Tisdale, aber auch Selena Gomez, Miley Cyrus, Lady Gaga, Tokio Hotel – aber auch die No Angels. Auch Lisa Desmond war an Bord, die zum Team der Malteserin Ira Losco im letzten Jahr gehörte. So hört sich das auch an.
Zu belanglos für’s Finale.

#2 – Österreich – „Running On Air“ (Nathan Trent)

Nathan Trent fuhr anfangs eine Doppelstrategie und bewarb sich auch in Deutschland für den ESC, zog sich dann aber zurück, als es in seiner Heimat klappte. „Running On Air“ ist radiofreundlicher Olly-Murs-Pop. Nicht, dass man sowas nicht schon mal im Radio gehört hätte. „Die Presse“ hat ihn als „flach“ und „butterkäsig“ ziemlich verrissen.
Sowas hat das ESC-Publikum aber noch nie von einem Final-Voting abgehalten…

#3 – Mazedonien – „Dance Alone“ (Jana Burčeska)

Ui, Autotune-Elektropop, sehr discoartig, dürfte aber in die Beine gehen und die Leute mitnehmen. Das größte Problem aber habe ich schon genannt: Autotune in den Strophen. Ob die auch mit der Normalstimme gut rüberkommen, muss der Auftritt erst beweisen. Übrigens hat auch hier Joacim Bo Persson seine Finger im Spiel.
Wenn die Mazedonierin die Zuschauer einfängt, kann es mit dem Finale was werden.

#4 – Malta – „Breathlessly“ (Claudia Faniello)

Mit einer klassischen Pop-Ballade und einer leicht Bonnie-Tyler-artigen Sängerin versucht Malta zu punkten. Durchaus schön anzuhören, aber nicht mehr. Vielleicht haben die Schreiber, wie Gerard James Borg, schon zu viele ESC-Titel produziert? In Deutschland lässt der Titel zudem schlimmes erahnen, das zum Glück nicht eintritt. Die Übersetzung lautet: „Atemlos“…
Punkte für den Versuch, aber die Ballade reißt nicht vom Hocker.

#5 – Rumänien – „Yodel It!“ (Ilinca feat. Alex Florea)

What. The. Fuck. Liebe Rumänen, ist das Euer Ernst? Erst holt Ihr Nokia von Bochum in Euer Land – und dann kriegen wir sowas zum ESC gestellt? Heidi meets The Script feat. will.i.am? Jodel-Refrain und „Hall Of Fame“-Rap? Das Schlimme ist, dass es trotzdem eingängig ist. Dazu passt, dass der Song eigentlich für die Schweizer Vertreter Timebelle geschrieben wurde. Wahrscheinlich war denen das zu „cheesy“…
Es ist wirklich nicht klar, ob die jodelnde Abiturientin und der abgebrochene Journalist rausfliegen.

#6 – Niederlande – „Lights And Shadows“ (O’G3NE)

Die Geschwister Vol aus Fijnaart sind nicht nur selbst ein Familienprodukt, ihr Lied „Lights And Shadows“ ist es auch: Geschrieben hat es der Papa Rick zusammen mit Rory de Kievit. Es fängt ein bisschen an wie Manhattan Transfer, wird dann aber schnell zum Mix aus aktuellem Girlband-Pop mit Elementen von Wilson Phillips. Eines ist sicher: Die Niederlande werden langsam die neuen Schweden und arbeiten hart am fünften Sieg, dem ersten seit 1975.
Wenn sie das Finale erreichen, wovon ich ausgehe, wird es ein Platz unter den Top-6.

#7 – Ungarn – „Origo“ (Joci Pápai)

Mal anders ethno: József „Joci“ Pápai singt – und rappt – in Romani und Ungarisch und gewann damit den Vorentscheid in seiner Heimat. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil seit 2010 von der rechtsgerichteten Fidesz und Viktor Orbán regiert ist und Roma systematisch ausgegrenzt und diskriminiert werden. Inspiriert dürfte dieser Song vom Erfolg Jamalas im Vorjahr sein – letztes Jahr Krimtataren, dieses Jahr Roma. Für ungeübte Ohren könnte es allerdings auch klingen wie der Muezzin, der die Muslime zum Gebet in die Moschee ruft.
Das liberale, eher linke ESC-Publikum steht auf sowas. Aber reicht das auch für’s Finale?

#8 – Dänemark – „Where I Am“ (Anja Nissen)

Anja Nissen wurde in Australien geboren, als Tochter dänischer Auswanderer. Das wäre ein Vorteil, dürfte Australien heute mitstimmen. Letztes Jahr wurde sie schon Zweite im dänischen Vorentscheid hinter Lighthouse X. Singen kann die Frau mit der Georgia-May-Jagger-Gedächtniszahnlücke, allerdings ist ihr Song eine Popballade, die der Unterstützung durch Bühnentechnik bedarf, um ihn zu unterstützen.
Kommt ins Finale, sagen auch die Buchmacher

#9 – Irland – „Dying To Try“ (Brendan Murray)

Whatever. Das ist das einzige, was mir dazu einfällt: Whatever. Mitschreiber Jörgen Elofsson hat schon für Kelly Clarkson und Westlife geschrieben, dazu – und das ist wohl die beste Erklärung – die offizielle FIFA-Hymne „The Time Of Our Lives“ für die WM 2006 in Deutschland, an die sich nicht mal bei der FIFA noch jemand erinnert. Und Bubi Brendan Murray ist auch damit überfordert, dem Song etwas Charakter zu verleihen.
Also raus. Kein Finale.

#10 – San Marino – „Spirit Of The Night“ (Valentina Monetta & Jimmie Wilson)

Immer konstant und berechenbar. Das ist San Marino. Wen schicken sie zum Eurovision Song Contest? Die vermutlich einzige Sängerin des Landes, Valentina Monetta, die schon 2012, 2013 und 2014 dabei war. Was sie 2015 und 2016 gemacht hat? Keine Ahnung. Und wer schreibt ihr das Lied? Klar, Ralph Siegel. So auch 2017. Die größte Hoffnung ist ihr Partner Jimmie Wilson, der in Deutschland als Musicaldarsteller seinen Lebensunterhalt, unter anderem als Barack Obama in „Hope! – Das Obama Musical“. Zusammen bringen sie ein 80er-Jahre-Eurodisco-Duett auf die Bühne, mit dem beide als Olivia-Newton-John/Lionel-Ritchie-Tribute durch Europas Einkaufszentren touren könnten.
Scheint, als wünschte sich Ralph Siegel in die gute Zeit zurück. Die alte Zeit ist vorbei, und das Finale für San Marino auch.

#11 – Kroatien – „My Friend“ (Jacques Houdek)

Er kommt aus Kroatien, sein Künstlername ist französisch, er singt Englisch und Italienisch. Und damit nicht genug, sein Stück ist auch noch ein Mix aus klassischer Arie und Popballade – wobei Houdek beide Stimmen singt und locker zwischen beiden hin und her wechselt: Der Pop auf Englisch, der Klassikteil auf Italienisch. Gewollter Stilbruch auf mehreren Ebenen. Was ihn allerdings ganz besonders auf die Verliererseite bringen dürfte: Von der Organisation von „Zagreb Pride“, quasi dem kroatischen Christopher-Street-Day, erhielt Houdek zwei Mal den Negativpreis als „Homophober des Jahres“, nachdem er unter anderem die Gleichsetzung der „schwulen und lesbischen Bevölkerung“ mit anderen Bürgern mit der „Rückkehr zu Sodom und Gomorrha“ gleichsetzte. Umso paradoxer, dass er ausgerechnet am bei vor allem Schwulen äußerst beliebten ESC mitmacht.
Es ist zwar ein faszinierendes Duett mit sich selbst, aber sogar für ESC-Verhältnisse zu krass – und der Sänger womöglich politisch nicht opportun genug.

#12 – Norwegen – „Grab The Moment“ (JOWST feat. Aleksander Walmann)

Norwegen schickt also Joakim With Steen (was auf deutsch nicht heißt: Joachim mit Stein) und Aleksandar Walmann (logisch, mit Wal(mann)fang kennen sich die Norweger ja aus…). Letzterer schrieb seinen ersten Song laut Legende am Abend des 23. Juli 2011 über die Gefühle nach den Anschlägen von Oslo und Utøya durch den Rechtsterroristen Anders Behring Breivik und spendete die Einnahmen seines Songs an das Rote Kreuz und die Utøyastiftung. Und dennoch: Die Zeile „I’m gonna kill that voice in my head“ ist beinahe prophetisch…
Wenn die beiden den Moment ergreifen wollen, liegt der nicht im Finale von Kiew.

#13 – Schweiz – „Apollo“ (Timebelle)

Nun also: Die, die nicht jodeln wollten. Es ist ein Migranten-Sextett: Ein Romand aus Manchester, ein Serbe, ein rumänischer Rumäne, ein ungarischer Rumäne und die Rumänin Miruna Manescu als einzige Frau in der bisherigen Boyband. Der Produzent ist ebenfalls Rumäne. Miruna soll wohl in der Gruppe die Rihanna geben, denn so hört sich „Apollo“ an, gerade wegen der Stimme. Bei den Buchmachern fällt der Song glatt durch, bei Youtube kommt er ausgesprochen gut an. Obwohl es Pop von der Stange ist. Eine Zeile allerdings dürfte für Amüsement sorgen. Im Interlude singt sie etwas undeutlich, und dadurch klingt es als „It is not supposed to pee easy“ – „Es soll sich nicht einfach pinkeln lassen“. Ein Gruß an alle, die mit Harnwegsinfektionen kämpfen? Blogger Kyle Woods aus Atlanta hat die Stelle auch gehört und verlieh dem Song den „Mace-Donut-Award“
Es wird wahrscheinlich sehr knapp, Timebelle dürfte zwischen Populärabstimmung und Juryabstimmung eine große Diskrepanz hervorrufen.

#14 – Weißrussland – „Story Of My Life“ (NAVI)

NAVI singen ihre Folkpop-Nummer als erster weißrussischer Act in der Landessprache. Eigentlich heißt der Titel „Historyja Majho Zyccia“. Es hat ein bisschen was vom zwei Jahre alten ungarischen Beitrag von „Boggie“, nur temporeicher.
Ob es ohne Russland für das Finale reicht, ist unwahrscheinlich.

#15 – Bulgarien – „Beautiful Mess“ (Kristian Kostow)

Kostow ist der erste Sänger beim ESC, der im 21. Jahrhundert geboren ist. Er ist bulgarisch-kasachischer Abstammung und in Moskau geboren. Dort lebt er auch. Bulgarien schickt also quasi einen Russen, was hinsichtlich der „Punkteschieberei“ nicht unklug ist. Und wer hat auch hier mitgeschrieben? Joakim Bo Persson. Was man nicht hört: Es ist das gleiche Team, das letztes Jahr Poli Genovas „If Love Was A Crime“ geschrieben hat.
Kostows Ballade dürfte ins Finale einziehen. Reines Bauchgefühl – und die Likes auf Youtube.

#16 – Litauen – „Rain Of Revolution“ (Fusedmarc)

Vom Stil her denke ich bei Litauen am ehesten an Jan Delay und seinen ESC-Opener 2011 in Düsseldorf. Da haben sie auch mit Musik und Animation versucht, den Zuschauern so richtig Druck auf die Fresse zu geben. Das Stimmchen von Viktorija Ivanovskaja ist dafür ein bisschen dünn, auch wenn der Vergleich mit Lisa Stansfield nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Macht die eigentlich noch Musik?
Ist ein bisschen zu wenig dahinter.

#17 – Estland – „Verona“ (Koit Toome & Laura)

Estland. Das Land, das Getter Jaani mit „Rockefeller Street“ nach Düsseldorf schickte. Ott Lepland mit „Kuula“ nach Baku. Und Birgit Õigemeel mit „Et uus saaks alguse“ nach Malmö. Und jetzt? Jetzt schicken sie Kooit Tome, der 1998 schon mal beim ESC war, zusammen mit Laura Põldvere als Modern-Talking-Tribute-Band.
Ne, liebe Esten, so nicht. Auch wenn Euer Dieter Bohlen plötzlich weiblich ist.

#18 – Israel – „I Feel Alive“ (Imri Ziv)

Der israelische Titel könnte von überall her stammen, so universal ist er. Es ist ein moderner Elektropop-Song. Israelische Elemente kommen nur ganz kurz vor, ansonsten ist er ein normaler, charttauglicher, 30 Sekunden zu kurzer Titel.
Und genau deshalb funktioniert er.

Meine Favoriten auf den Finaleinzug sind also: Österreich, Mazedonien, Malta, Rumänien, Niederlande, Ungarn, Dänemark, Schweiz, Bulgarien und Israel.

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